Mai 16 2019
re:publica 2019 | Quo vadis, digitale (Kommunikations)welt? | Top 5 Learnings

Die re:publica ist inzwischen eine der größten europäischen Konferenzen zum Thema Internet, Medien und digitale Gesellschaft. Im Gründungsjahr 2007 kamen rund 700 Besucher. 2019 waren es mehr als 20.000. Während der drei Konferenztage traten dieses Jahr rund 1.100 Speaker auf 27 Bühnen auf. Wie viele Top-Level Findings ergeben sich aus einer solchen Fülle an Eindrücken, Debatten, Treffen und Diskussionen? Für mich waren es fünf:

  • Zentrale Rolle der Politik: Zum Gelingen der Digitalisierung gehört Demokratie

Es haben wahrscheinlich noch nie zuvor so viele Top-Politiker an der re:publica teilgenommen wie dieses Jahr: Der Bundespräsident eröffnete die Konferenz mit einem furiosen Appel für eine zivilisiertere Debattenkultur und für die Demokratisierung des Digitalen. Frank-Walter Steinmeiers Rede hat die Echokammer (manche sagen: Filterblase) der Konferenz ziemlich schnell durchdrungen und für intensiven Austausch auch jenseits der Tech-Gemeinde gesorgt. Das Bundeskabinett war ebenfalls prominennt vertreten: Finanzminister Olaf Scholz, Familienministerin Franziska Giffey, Umweltministerin Svenja Schulz und Arbeitsminister Hubertus Heil – sie alle waren Speaker auf der re:publica. Klares Fazit also: Bemerkenswert viel Polit-Prominenz vor Ort. Vor allem aber auch eine bemerkenswert klare Botschaft: „Die Digitalisierung“, angeblich losgelöst den Alltagssorgen des Durchschnittsbürgers, gibt es nicht. Und es existiert auch kein korrespondierender „Techie-Elfenbeinturm“. Digitale Entwicklungen gehen uns alle an, sie betreffen und durchdringen unser aller Alltag. Und darum sind auch Interesse und Engagement der Politik so zentral. Denn Gemeinwohl, Interessensausgleich und Wahrung der Grundrechte müssen auch in der Digital-Welt eingefordert, implementiert und kritisch überprüft werden.

  • Datenmacht der Plattformen: Regulierung hoch im Kurs

Ein weiteres Thema zog sich wie ein roter Faden durch das Programm der re:publica: Wie ist die unbestreitbare Marktmacht der Tech-Giganten aus dem Silicon Valley zu begrenzen? Wie kann das vor Kraft strotzende FAANG-Gespann (Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google) auf ein für die Märkte gesundes Maß geschrumpft werden? Sowohl EU-Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager als auch der Präsident des Bundeskartellamts, Andreas Mundt, hatten dafür eine klare Antwort: Schärfere und effektivere Regulierung. Das Aufbrechen der Daten-Monopole durch neue Regeln rund um den Zugang zu bestehenden Daten-Pools wurde dabei von beiden als vielversprechendster Weg beschrieben. Kein Thema war dagegen eine Zerschlagung der Plattformen.

  • (Digitalisierte) Mobilität im Fokus: Entwürfe für die Infrastruktur von morgen

Das Mobilitätssystem ist im Umbruch, wir stehen vor „disruptiven Veränderungen“, befinden uns in einem „historischen Transformationsprozess“. Das sind einerseits gern verwendete Buzz-Words. Andererseits beschreiben sie die Vorgänge, die sich derzeit im Verkehrssektor abspielen, doch recht treffsicher. Und das war auch am Programm der re:publica ersichtlich. Nicht nur auf den Ausstellungsflächen, wo sich gleich mehrere Automobilhersteller präsentierten bzw. gar als Sponsor auftraten. Auch ein Flugtaxi-Anbieter lud übrigens zum Anfassen und Angucken ein. Wichtiger aber: In den Panels und Vorträgen spielten Fragen nach der Mobilität der Zukunft durchgängig eine zentrale Rolle. Dabei ging es erfreulicherweise nicht um den Schlagabtausch zwischen Diesel-Nostalgikern und Elektro-Pionieren. Sondern um neue Formen und Wege individueller, nachhaltiger und digitaler Mobilität. Die werde im urbanen Raum zunehmend modular sein, im ländlichen Raum aber würden attraktive Lösungen weiterhin fehlen. Einigkeit herrschte bei Ministerialbeamten, Zukunftsforschern und Unternehmensvertretern jedenfalls darin: Es geht neben ökonomischem vor allem um kulturelles Umdenken. Die zentrale Frage dahinter sei noch nicht beantwortet und muss weiterhin gemeinschaftlich und im Dialog ausgehandelt werden: Welche Verkehrskultur wollen wir?

  • Klimawandel, Nachhaltigkeit und Digitalisierung: Entwicklungen für, nicht gegen den Menschen

„Digitalisierung goes green“ wäre durchaus auch ein passendes Motto für die re:publica gewesen. Denn die Auswirkungen des Klimawandels und die Forderung nach nachhaltige(ren) Formen des Wirtschaftens dominierten einen großen Teil der inhaltlichen Beiträge. Was haben steigende Datenmengen mit der Erderwärmung zu tun? Wie verändert der Klimawandel ökonomische Abläufe und Innovationen? Und vor allem: Welche Lösungen werden dafür in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik erarbeitet? Gemeinsamer Nenner der Konferenzbeiträge zu diesen Themenkomplexen war, dass alle Lösungsszenarien vom Menschen aus gedacht waren. Und dass Zuversicht und Vertrauen in die Wirkmächtigkeit von gesellschaftlichem Engagement gelegt wurde.

  • Audio, Audio, Audio: Der Podcast-Boom ist nicht mehr zu überhören

Podcast ist das neue Video. Ganze 24 Sessions rund um das Thema Podcast wurden auf der diesjährigen re:publica angeboten. Man kam also kaum daran vorbei – wenn man denn rein kam. Denn dass das Ganze inzwischen auch in Deutschland zum handfesten Trend geworden ist, zeigte sich unter anderem am Zuschauerzuspruch: Ziemlich oft waren die Säle oder Hallen während der Podcast-Slots geschlossen – wegen Überfüllung. Insofern man zu den Glücklichen mit Sitz- oder Stehplatz gehörte, wurden unter anderem die folgenden Dinge behandelt: How-to-Workshops, Reaktion der traditionellen Medienhäuser auf den Podcast-Trend, Innovationen bei den Audioformaten.

In der Gesamtschau steht das Fazit, dass die re:publica ein sehr weites Spielfeld geboten hat für diverse Meinungen, Positionen und Visionen. Wer diskussionsoffen und dialogbereit war, dem hat sich so manch neuer Horizont geboten.